Interview mit Annette Schavan, Bundesbildungsministerin a. D.

"Die Zeit ist reif für eine neue Stipendienkultur"

Vom Deutschlandstipendium sollen bundesweit besonders begabte Studierende profitieren. Und auch für private Förderer und Hochschulen soll sich das neue Stipendienprogramm des Bundes lohnen. Warum wir eine neue Stipendienkultur brauchen, erklärt Bundesbildungsministerin a. D. Annette Schavan im Gespräch. 

Frau Bundesministerin, die Hälfte vom Bund und der Rest aus privaten Taschen. Das klingt ungewöhnlich. Gibt es ein Vorbild für das Deutschlandstipendium?

Annette Schavan: Die Förderung begabter Menschen aus der Mitte der Zivilgesellschaft hat sich in anderen Ländern längst bewährt. Im Wettbewerb um die Besten schöpfen Länder wie die USA, Japan oder Südkorea mehr als zwei Drittel ihrer Bildungsbudgets für den Hochschulsektor aus privaten Quellen. Deutschland schneidet hier mit nur 15 Prozent schwach ab.

Und das wollen Sie mit dem Deutschlandstipendium ändern?

Annette Schavan: Das müssen wir ändern, wenn wir junge Menschen nachhaltig fördern, hochqualifizierte Fachkräfte gewinnen und im internationalen Wettbewerb mithalten wollen. Es wird Zeit, dass in Deutschland eine größere Solidarität mit unseren Hochschulen möglich wird.

Bedeutet halbe-halbe nicht, dass der Staat die Hälfte seiner Verantwortung abgibt?

Annette Schavan: Im Gegenteil, der Staat nimmt seine Verantwortung in vollem Umfang wahr: Unter den veränderten Vorzeichen der demografischen Entwicklung und des globalen Wettbewerbs müssen wir schlicht lernen, den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern mehr Verantwortung und Eigeninitiative zuzutrauen. Wir wollen die vielseitigen und zahlreichen Talente und Potenziale der Menschen in unserem Land gezielt fördern. Das kann auf Dauer nur funktionieren, wenn wir in diesem Bereich auch ein stärkeres zivilgesellschaftliches Engagement zulassen und unterstützen. Ein Wissenschaftssystem verdient es, dass diejenigen, die studiert haben und heute gut verdienen, mit ihren Hochschulen solidarisch sind. Und die Wirtschaft wird mit ihrer Klage über den drohenden Fachkräftemangel nur Widerhall finden, wie sie selbst bereit ist, frühzeitig in Talente zu investieren.

Was ist mit dem BAföG? Ist ein weitergehender Ausbau nicht viel dringender als die Spitzenförderung?

Annette Schavan: BAföG und Stipendium sind für mich zwei Seiten einer Medaille. Zur Studienfinanzierung gehört auch die gerade beschlossene Erhöhung des BAföGs. Mit dem BAföG unterstützen wird die Studierenden, deren Eltern nicht über ein ausreichend hohes Einkommen verfügen, um das Studium ihrer Kinder nicht ohne große Entbehrungen finanzieren zu können. Mit dem Deutschlandstipendium unterstützen wir diejenigen, die besonders gute Leistungen erbringen.

Wer gehört zum besonders talentierten Nachwuchs?

Annette Schavan: Ein Aspekt sind natürlich besonders gute Noten. Neben den bisher erbrachten Leistungen und dem persönlichen Werdegang sollen aber auch gesellschaftliches Engagement, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, oder besondere persönliche Umstände berücksichtigen werden, die sich beispielsweise aus der familiären Herkunft oder einem Migrationshintergrund ergeben. Nehmen Sie zum Beispiel den Maschinenbaustudenten, der in aller Früh im elterlichen Landwirtschaftsbetrieb hilft, oder die Politikstudentin, die sich schon als Schulsprecherin für die Belange anderer eingesetzt hat. Ich begegne immer wieder jungen Menschen, die Großartiges leisten und dabei bereit sind, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Solchen Menschen soll das Deutschlandstipendium den Rücken frei halten.